Matale, eine junge Frau aus Zambia

Matale, eine junge Frau aus Zambia

Reisebericht südliches Afrika 2019/20

Lusaka, Zambia

Wer ist Matale?

Matale ist eine junge Frau, die ich vor 2 Jahren in Lusaka kennengelernt habe. Damals habe ich für ein Reiseunternehmen eine Tour geführt und es war die Idee, dass ich in Zambia noch eine weitere Tour leite. Dazu kam es aber aus verschiedenen Gründen dann nicht.

Anyway, in der Zeit, die ich in Lusaka war, habe ich in einer Lodge gewohnt, die dem Reiseunternehmen gehört. Und dort war Matale angestellt als eine Haushaltshilfe. Damals war sie 19 Jahre alt und hat gerade erst angefangen zu arbeiten. 

Jo und Clive (bei denen wir auf dieser Reise bereits in Siavonga zu Besuch waren) waren in dieser Zeit die Lodge-Manager und Matale hat sehr viel von den beiden gelernt.

Eine Idee entsteht…

Als wir nun auf dieser Reise nach Lusaka kamen, habe ich mit Matale wieder Kontakt aufgenommen. Sie hat sich unglaublich darüber gefreut und wir haben ein Treffen vereinbart.

Wir durften sie ihn ihrem Zimmer besuchen, das sie direkt neben der Lodge gemietet hat. Es befindet sich in einem Haus, in dem noch mehrere andere Leute auch ein Zimmer gemietet haben.

In diesem Zimmer liegt eine Matratze auf dem blanken Fussboden und daneben ist noch ein bisschen Platz, wo Matale ihre ganzes Hab und Gut aufbewahrt. Das Zimmer hat schätzungsweise eine Grösse von etwa 2 x 3 m, bei uns etwa die Grösse einer Abstellkammer…

Wir haben uns mit Matale ausgetauscht und ich habe mich sehr darüber gefreut, sie nach 2 Jahren wieder zu sehen. Ich habe sie nach ihrem Leben und nach ihrer Arbeit gefragt und wie es ihr inzwischen so ergangen ist. 

Diese Begegnung hat uns beide nachhaltig berührt und beschäftigt… Matale ist so eine nette, gebildete junge Frau und sie hat Träume und Wünsche für ihr Leben.
Ihr grösster Traum ist es, wieder zur Schule zu gehen und eine Ausbildung zur Landwirtin zu machen. Bei einem Gehalt von umgerechnet knapp Fr. 100.– pro Monat wird sie ihren Wunsch wohl ohne Hilfe nicht erfüllen können. Sie hat keine Möglichkeit, Geld für die Schulkosten zu sparen, weil sie das ganze Geld für Essen und Miete braucht und sie unterstützt damit sogar noch ihre Mutter und ihre beiden Schwestern…

Nach der Begegnung entstand in mir die Idee, auf meinem Blog über Matale und ihr Leben zu berichten. So habe ich mir einige Fragen ausgedacht und ihr diese dann per Mail zugesandt und sie hat mir diese per Mail beantwortet.

Sie hat sich extrem darüber gefreut, weil es ihr noch nie passiert ist, dass ein weisser Mensch aus einem fremden Land an ihr und ihrer Geschichte interessiert ist…
Matale hat meine Fragen sehr ehrlich und ausführlich beantwortet. Hier nun also das gesamte Interview. Es ist ziemlich lang, aber ich möchte euch ans Herz legen, es zu lesen und so ein bisschen was über eine ganz normale junge Frau aus Zambia zu erfahren und darüber, wie hart das Leben hier sein kann…

Das Interview haben wir in Englisch geführt und ich haben alles auf deutsch übersetzt.

Die Fotos sind alles Handy-Fotos von Matale. Wenn wir nochmals nach Lusaka kommen, werden wir Matale nochmals treffen und dann eventuell noch ein paar Bilder von ihr und ihrem Zimmer machen.

Interview mit Matale

Name
Matale Mwale

Alter/Geburtstag
22 Jahre alt, geboren am 11. Oktober 1997

Geburtsort
Mungule Remote Clinic, in Zentral-Zambia

Was ist deine Muttersprache?
Meine Muttersprachen sind Tonga und Ndebele

Sprichst du noch andere Sprachen?
Ja, von den 72 Sprachen, die wir in Sambia haben, kann ich 10 sprechen.
(Und sie spricht auch fliessend Englisch)

Schul-Bildung
Ich habe meine erste Klasse im Jahr 2003 begonnen, an der Muchenje-Grundschule…. Dort habe ich die erste bis neunte Klasse besucht. Meinen Abschluss von der High School habe ich an der Moomba-Sekundarschule gemacht, im Jahr 2013. Dann war ich für ein Jahr in meinem Heimat-Dorf, weil wir die Gebühren für die Schule nicht mehr bezahlen konnten. Ich und meine Mutter haben es dann geschafft, etwas Geld zu sammeln und nach einem Jahr Auszeit habe ich mein Senior Level bis zu meinem Abschluss im Jahr 2016 fortgesetzt.

Was ist dein Beruf? Was sind deine Aufgaben?
Ich arbeite als Helfer in der Küche und als Hausangestellte

Hattes du dafür eine Ausbildung? Wie hast du es gelernt?
Ja, ich habe einige Grundkenntnisse im Kochen und in der Hausarbeit erworben. Ich hatte einen Freund, der mich mit einer Missionsschule verband, die von den katholischen Schwestern geleitet wird. Sie haben mir ein kostenloses Stipendium gegeben und damit konnte ich die Grundlagen im Haushalt erwerben.

Wo arbeitest du?
Ich arbeite in einer Lodge in Lusaka

Wie hoch ist dein Gehalt?
Ich verdiene 1300 Sambische Kwacha (Fr. 99.–) im Monat

Was sind deine Ausgaben im Monat und wofür?
Ich helfe meiner Mutter dabei, Essen für meine Geschwister zu kaufen. Ich zahle auch Schulgebühren für meine jüngere Schwester und ich bezahle meine Miete und kaufe mein Essen.

Wie hoch ist die Miete für dein Zimmer?
(Matale wohnt in einem Haus und bewohnt dort ein sehr kleines Zimmer. In dem Haus wohnen noch andere Mieter und alle davon in einem kleinen Raum. Sie zahlt für ihr Zimmer 350 Sambische Kwacha (Fr. 27.–) pro Monat)

Leben deine Eltern noch?
Ja, sie sind beide am Leben, aber ich habe nur mit meiner Mutter Kontakt. Meine Mutter und mein Vater haben sich im Jahr 2000 scheiden lassen.

Unterstützen sie dich in irgendeiner Form?
Nein, ich bekomme keine Unterstützung. Meine Mutter ist nur eine arme Frau, die Tomaten auf dem Markt verkauft. Und wo mein Vateri ist weiss ich nicht. Seit er uns verlassen hat, wissen wir nicht, wo er ist.

Wie ist deine Beziehung zu deiner Mutter?
Meine Beziehung zu meiner Mutter ist in Ordnung. Sie ist immer an meiner Seite, trotz der Schwierigkeiten, die wir manchmal zusammen haben.

Hast du Geschwister? Wieviele und wie alt sind sie?
Ja ich habe zwei Schwestern, Exildah ist 18 und Annie ist 12 Jahre alt

Welche Lebensmittel kaufst du normalerweise und wie viel kosten sie?
Die Lebensmittel, die ich normalerweise kaufe, sind Maismehl, pro 10 kg kosten in meiner Gegend 130 Sambische Kwacha (Fr. 10.–), und manchmal kaufe ich Sojastücke, die 75 Sambische Kwacha (Fr. 5.75) kosten und Speiseöl für 45 Sambische Kwacha (Fr. 3.45). Das ist es, was ich normalerweise esse.

Wie viel Geld hast du am Ende des Monats übrig?
Am Ende des Monats habe ich nur 30 Sambische Kwacha (Fr. 2.30) übrig.

Was sind deine Pläne für die Zukunft?
In Zukunft möchte ich einfach nur zur Schule gehen und etwas lernen. In Sambia ist es viel besser, für die Regierung zu arbeiten als im privaten Sektor, und wenn man keine angemessene Qualifikation hat, ist das Leben ziemlich schwer…

Was sind deine Hoffnungen?
Ich hoffe nur, dass ich eines Tages an einem College oder einer Universität studieren kann.

Was sind deine Träume?
Mein Traum ist es, eines Tages Landwirtin zu werden

Was ist mit deinen Freunden? Wie ist ihr Leben?
Die meisten meiner Freunde, mit denen ich zusammen bin, waren in der gleichen Klasse. Einige haben dort College- und Universitätsstudien abgeschlossen, weil sie aus reichen Familien stammen. Einige von ihnen haben sich gerade in der Stadt der Prostitution verschrieben, aus Geldmangel, und damit sie mit ihrer Ausbildung fortfahren können.

Was machst du in deiner Freizeit?
In meiner Freizeit bin ich meistens nur zu Hause und entspanne. Ich verbringe auch viel Zeit in der Kirche, um Gospelsongs zu singen.

Ich möchte gerne mehr über deinen Glauben und deine Kirche wissen.
Ich bin ein Mitglied der Siebenten-Tags-Adventisten (protestantische Freikirche). Unser Glaube als Gemeinde ist, dass Gott alles in dieser Welt besitzt. Und dass Jesus Christus das Zentrum des Lebens ist. Und dass er unser Herr und persönlicher Retter ist.

Wie wichtig ist dir dein Glaube und was bedeutet Gott für dich?
Mein Glaube an Gott ist mir wichtig in einer Weise, dass ich, wenn Prüfungen und Trübsal mich im Leben treffen, einfach niederknie und bete und wieder Trost finde, indem ich glaube und gestärkt werde, dass eines Tages alles in Ordnung sein wird. Zu seiner eigenen festgelegten Zeit, Gott wird sicherlich zu meiner Rettung kommen, und das bedeutet die Welt für mich. Weil ich einen Freund habe, der mich in all meinen Prüfungen und Schwierigkeiten immer tröstet und zu mir spricht. Er ist immer in meiner Nähe. Wenn du seinen Namen wirklich rufst, ist seine Güte immer in unserer Nähe. Und das ist Jesus Christus, unser Freund, hier wird mein Glaube und meine Hoffnung aufgebaut.

Was bedeutet deine Kirche für dich? Sind deine Familie und Freunde in derselben Kirche?
Ja meine Familie und alle meine Freunde sind in der gleichen Kirche. In der Kirche treffen wir auch verschiedene andere Leute. Leute, die uns helfen, unsere Hoffnung für die Zukunft zu bewahren. Also die Kirche bedeutet für mich, ich habe eine Familie in Gott, ein Ort, der für mich wie eine Wohlfühlzone wirkt. Es hilft uns, Liebe füreinander zu haben und für unsere Freunde zu sorgen.

Wenn Geld keine Rolle spielen würde, was würdest du machen/kaufen/wohin würdest du gehen?
Wenn Geld kein Problem wäre, würde ich zur Schule gehen, eine gute Wohnung für meine Familie bauen, Kindern in Dörfern mit Bildungseinrichtungen helfen und mit meinen Freunden reisen um zu sehen, wie das Leben dort draussen ist.

Wenn du 3 Wünsche frei hättest, was wäre es?
Zur Schule zu gehen, ein besseres Leben zu haben und Menschen in meinem Dorf zu helfen, Menschen, die ärmer sind als ich.

Was kannst du uns erzählen über das Leben in Zambia?
Das Leben in Sambia ist so schwer, dass die Menschen sich auf rituelle Handlungen eingelassen haben, nur um Nahrung für die Familien zu finden. Es gibt keine Jobs für Jugendliche. Um in Zambia etwas Gutes zu haben muss man korrupt sein. Unser Land ist voll von schlechten Dingen. Menschen in hohen Positionen sorgen sich nur um sich selbst, was das Leben für alle anderen jeden Tag schlimmer und schlimmer macht.

Wie sind die Menschen in Sambia im Allgemeinen?
Die Menschen in Sambia sind egoistisch. Wenn es ihnen gut geht, können sie nicht nach ihrem Nachbarn schauen, um zu überprüfen, wie es ihm geht und sie würden sich nicht einsetzen für die armen Menschen..

Gibt es in Samiba eine Mittelklasse? Oder sind die meisten Menschen arm?
Ja, wir haben eine Mittelklasse, das sind Menschen, die weder richtig reich noch richtig arm sind. Sie haben ein gutes Leben und auch ein schönes Zuhause. Die meisten Menschen in Sambia sind aber arm und haben kein Geld für Kleidung sondern können sich nur gerade so etwas zu essen leisten. Vor allem in meinem Dorf ist es eine schlimmere Situation als jemals zuvor.

Wie ist es mit den reichen Menschen? Was für Menschen sind das? Womit verdienen sie ihr Geld?
Reiche Leute in Sambia sind geizig. Sie kümmern sich nicht um die armen Menschen, sie haben kein Herz für andere, sie sind nur auf sich selbst fixiert. Die meisten reichen Leute arbeiten für die Regierung. Einige besitzen auch ihre eigenen Firmen. Regierungsbeamte stehlen das Geld, das arme Leute für Steuern zahlen. Auch die Firmenbesitzer benutzen Leute, indem sie ihnen wenig Gehalt bezahlen und deshalb wächst die Zahl der armen Menschen in Sambia weiter.

Was heisst es, arm zu sein in Sambia? Können die meisten Menschen genug Essen kaufen?
Wenn man arm ist in Zambia, hat man keinen Zugang zu Bildung und keinen Zugang zu gutem Essen. Man kann nichts in irgendeiner Weise geniessen. Die meisten Aktivitäten können sich die armen Leute nicht leisten. Die meisten Menschen sterben aufgrund von Mangel an Nahrungsmitteln. Wenn wir keinen Regen haben, wird der prozentuale Hungeranteil höher und höher. Die Sterberate aufgrund von Hungersnot liegt in den südlichen und zentralen Teilen Sambias nahe bei 50 Prozent. Aber niemand denkt daran, irgendwelche Mittel zu finden, um den Menschen zu helfen da draussen. 

Gibt es ein Sozialsystem, das sich um arme Menschen kümmert?
Ja, wir hören gerade von diesen Walfare-Gesellschaften, aber die Leute, die in diesen Gesellschaften sind, sind die Leute, denen es gut geht. Wenn man diesen Gruppen angehören will, muss man dafür bezahlen und dies fördert korrupte Aktivitäten. Die einzigen Teilnehmer sind ihre Familienmitglieder, und somit wird das Leben für die Armen immer schlimmer.

Wie sieht es mit Kriminalität aus in Sambia? Drogen, Prostitution, Gewalt, Einbrüche
Was kannst du uns darüber erzählen? Betrifft es dich in irgendeiner Weise?
Es betrifft mich auf eine Art und Weise, weil sich viele Jugendliche in diese Verbrechen verwickelt haben. Prostitution wird für Jugendliche zur täglichen Angelegenheit. Menschen streiten sich wegen Geld und Lebensmitteln. Es betrifft uns in der Form, dass wir uns nicht frei in der Stadt aufhalten können, weil wir Angst haben, dass sie das wenige Geld stehlen, das wir dabei haben.

All das passiert, weil es keine Jobs gibt, um diese Menschen zu beschäftigen und ihnen einen Lebensinhalt zu geben.

Was möchtest du uns sonst noch erzählen über Sambia im Allgemeinen und über die Menschen in Sambia?
Die (armen) Menschen in Sambia sind friedlich und immer glücklich mit allem, was sie haben. Und wir behalten immer unser Lächeln im Gesicht…

Und was möchtest du uns noch erzählen über dich und dein Leben?
Ich habe verstanden, dass das Leben in unserem Land sehr schwer ist, aber ich möchte die Hoffnung nicht verlieren. Ich glaube, eines Tages werden die Dinge in Ordnung sein. Und ich behalte immer mein Lächeln im Gesicht…

Thank you so much Matale for your time and your honesty!

Junge Frau aus Zambia
Junge Frau aus Zambia
Junge Frau aus Zambia

Hier steht Matale vor ihrer Kirche und die beiden nächsten Bilder zeigen einmal die Kirche von aussen und einmal von innen..

Kirche in Zambia
Kirche in Zambia

Schreibe einen Kommentar